Die Erschaffung der (Internet-)Welt

Am Anfang waren die Götter, die aus ihren Gedanken die Intelligenz erschufen, welche nur die 0 und die 1 verstand. Und am ersten Tage wurde ihr in den Weiten des Raumes ein Heim gegeben, ein Heim aus metallenen Kästen. Und dort wurde sie gefüttert mit dem Wissen der Götter. Und die Götter sagten: „O lasset uns bringen das Wissen unter die Menschheit, auf dass ein jeder sich an diesem Wissen erfreue und von ihm lerne.“ Und siehe, so schufen sie für einen jeden Menschen ein kleines Abbild dessen, was sie einst erschufen.

So kam es, dass am zweiten Tage die Erschaffung der Götter unter die Menschen kam. Und die Götter sahen, dass es gut war.

Am dritten Tage aber beschlossen die Götter, dass die Schöpfung, die nun als viele Abbilder bei den Menschen wohnte, sich und alle Menschen vereinigen sollte. Und so wurde eine neue Welt erschaffen, eine Welt, so unermesslich groß wie eine riesige Tafelrunde mit unzähligen Stühlen um sie herum. Und auf alle Stühle sollte sich die Menschheit verteilen, auf dass sie untereinander kommunizieren konnte, egal welcher Sprache, Religion und Hautfarbe.

Und die Götter sahen, dass es gut war, und nannten die Menschen nun User.

Am vierten Tage dann erkannten die Götter, dass die User sich untereinander auf großen Sammelplätzen verständigen können müssten. Und so erschufen sie die Foren. Ein jeder, der wollte, durfte sich eines erbauen. So er jedoch nicht über eigenes Wissen hierüber verfügte, gab es Händler, die solche Foren zur Miete oder zum Kaufe feilboten, und so konnten auch die Unwissenden ihr Forum unterhalten. Und es waren derer viele, die diese Angebote nutzten. So scharten sie viele andere Menschen unter dem Dache der Foren zusammen und es gab ein fröhliches Treiben in jedem dieser Herbergen. Ja, es waren Herbergen, denn jeder, der ein Forum besuchte, bekam dort einen eigenen kleinen Raum, in welchem er sich herrichten und sein Wappen zur Schau stellen konnte.

Die User an der unermesslich großen Tafel mit den unzähligen Foren kommunizierten unerlässlich miteinander. Doch sahen die Götter, dass die User mitunter einige Zeit warten mussten, bis andere User ihnen antworteten. Und so ersannen sie am Abend des vierten Tages unzählige Räume, in denen die Menschen wild durcheinander reden und feiern konnten. Diese Räume wurden Chats getauft.

Und die Götter sahen, dass es gut war. Doch sie sahen auch, dass die User ziellos umher irrten.

Und so schufen die Götter am fünften Tage die Homepages, denn jeder Mensch brauchte ein Heim in dieser neuen Welt. Und alle sollten ein solches Heim beziehen können, in welchem ihn alle anderen User besuchen konnten, auf dass sich alle kennenlernten. Und so geschah es. Fortan wurde die neue Welt besiedelt von abertausenden Homepages jeder Art. Und alle konnten frei wandeln auf den verschlungenen Pfaden der neuen Welt.

Die Götter betrachteten ihr Werk mit Freude. Doch sahen sie auch viele, die ziellos umherirrten auf Pfaden, die ins Nichts führten. Und da erdachten sie die Suchmaschinen. Jeder Suchende brauchte nun nicht länger auf ewig umher irren und konnte zu jeder Zeit nach dem Weg fragen zu Usern, die ihm auf seine Fragen Antworten geben konnten.

Und die Götter sahen, dass es gut war, und ließen die User sich auch untereinander direkte Pfade zueinander legen.

Als der sechste Tag anbrach, betrachteten die Götter die User genauer und sahen, dass viele von ihnen der Foren und Homepages müde waren. Und so gaben sie ihnen eine neue Ebene der Verwirklichung, den sie Blog nannten. Jeder konnte sich nun eine neue Art von Heim erbauen, welches Forum und Homepage in eins war. Und die Menschen benötigten auch hier nicht viel Wissen, denn auch hierfür gab es an jeder Ecke fahrende Händler, die ihre Dienste anboten. Und so wuchsen die Blog-Hütten wie Grashalme aus dem fruchtbaren Boden der vor Informationsaustausch inzwischen wild wimmelnden Welt.

Und die Götter sahen, dass es gut war. Auch wenn die Foren und Homepages nun mehr und mehr dem Verfall anheim gestellt waren, so wurden längst nicht alle eingerissen und gaben wandernden Usern weiterhin ein Ziel auf deren Wegen durch die Welt.

Als schließlich der siebente Tag anbrach, wollten die Götter ausruhen. Und sie befanden, dass auch die User eine Oase brauchten, in der sie entspannen sollten. Und so erschufen die Götter die große Twitterrunde. Hier wurde die Anzahl der Zeichen auf 140 begrenzt, auf dass die User sich kurz fassen sollten.

Und die Götter sahen, dass es gut war, doch ahnten sie nicht, welch Höllenspektakel sie damit ins Leben gerufen hatten.

Nun ruhen die Götter und ordnen ihre Gedanken, müde von der Arbeit der letzten sieben Tage. Doch sie wissen, es ist noch nicht vorüber. Die nächsten Ideen formierten und formieren sich bereits und bald wird die Welt, diese unermesslich riesige Tafelrunde, von neuen Streichen der Götter heimgesucht werden.

Denn die Götter wissen, dass es gut ist.

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One Response to Die Erschaffung der (Internet-)Welt

  1. ElfiElfe says:

    Amen! 😀

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