Die verlorene Gemütlichkeit im Internet

Ich gehöre zur Internetgeneration, die ihre ersten Online-Kontakte und -Freundschaften einem Forum verdankte. (Nein, kein Partnersuchekram.)

Gestern habe ich mich mit der Sichtung alter Daten-CDs beschäftigt, auf denen sich Fotos und Videos der ersten deutschen Herr-der-Ringe-Conventions befinden. Das weckte schöne Erinnerungen, die zum Großteil mit besagtem Forum zu tun haben, denn auf der Convention traf ich sehr viele der User zum ersten Mal live und in Farbe. Also wollte ich gestern dem Forum einen Besuch abstatten und musste schnell feststellen, dass es nicht mehr existiert, was mir dann einen kleinen Piekser im Magen versetzte, obwohl ich schon lange nicht mehr dort war.

Dann aber war das Ersatzforum schnell gefunden und ich stellte bald mit Freude fest, dass die Betreiber das sehr große Archiv des alten Forums gesichert und mitgenommen hatten. Dies taten sie augenscheinlich aus dem Grunde, weil viele User wohl darum baten. Das Forum hatte damals über 10.000 User, zu denen ich gehörte, und zwar noch mit dreistelliger Mitgliedernummer. Registriert hatte ich mich dort Ende 2001. Das ist eine irrsinnig lange Zeit, wenn man das mit Onlinezeitrechnung betrachtet.

Dort enstanden Freundschaften, es gab Treffen, es gab viele schöne gemeinsame Stunden. Einige feste Gemeinschaften hatten sich sogar T-Shirts bedrucken oder hochwertig beflocken lassen, jeder mit seinem Nick und einem riesigen Logo auf dem Rücken, das einen als Mitglied dieser Gemeinschaften auswies. Es war wirklich eine eigene kleine Welt und ich fühlte mich sauwohl als eine unter vielen Bekloppten.

So konnte ich dann nach all der Zeit wieder in Erinnerungen schwelgen, da man in einem Forum ordentlich aufgeteilte alte Eintragungen mit Leichtigkeit aufspüren kann.

Ich dachte dabei auch an mein eigenes Forum, das ich 2003 ins Leben rief und was tatschlich auch noch existiert, wenngleich dort Totentanz herrscht. Das ist mir aber egal, denn ich weiß, dass einige hin und wieder noch reinschauen und eine liebe Onlinefreundin und ich schreiben dort nur für uns seit über drei Jahren an einem Rollenspiel.

Einerseits ist mir klar, dass auch das Onlineleben nicht verharrt, sondern immer weiter voranschreitet und sich auch die Interessen der User verändern. Dennoch bin ich auch etwas wehmütig, wenn ich an all das schöne Miteinander denke.

Irgendwann kamen dann die Journals auf und Facebook latschte in unser Leben und breitete sich wie ein Spinnennetz bis in die kleinsten Winkel aus. Nun konnte sich jeder sein eigenes kleines Reich schaffen, wo man sich nicht an von einem Admin erschaffene – wenngleich nicht unmögliche – Regeln zu halten brauchte, sondern schreiben konnte, wie man wollte und selbst herrschen konnte über Leute, die einem nicht passten. Als Admin eines Forums gehörte es dazu, dass man dann doch mehr diplomatisch war als gleich mit der Axt reinzuhauen. Sicher gab es auch in meinem Forum mal Knatsch, aber ich habe nie jemanden zeitweise gebannt oder komplett rausgeworfen, denn ich glaubte immer daran, dass man als mehr oder weniger erwachsene Menschen in der Lage sein könnte, sowas auch sachlich zu regeln.

Ich schweife ab. Zurück zur eigentlichen Thematik.

Foren liegen brach. Facebook floriert. Heute offenbart man sich in exhibitionistischer Weise, was zu den Hoch-Zeiten meines Forums undenkbar war. Da hat man sich noch soweit bedeckt gehalten, dass man fast schon Probleme damit hatte, sein Alter zu offenbaren. Wie dem auch sei. Das Miteinander in den Foren war gefühlt gemächlicher, wenn ich es heute rückblickend betrachte. Das, was man schrieb, ratterte nicht einfach durch die Timeline, sondern verblieb da, wohin man es schrieb, und man konnte es jederzeit einfach wiederfinden. Bei Twitter hingegen – ich bin dort seit Ende 2009 registriert – ist das, was man geschrieben hat, ein Tropfen in einem Wasserfall und je mehr Leuten man folgt, desto schwieriger ist es natürlich, alles nachzulesen, was sich während der eigenen Abwesenheit in der Timeline angehäuft hat.

Ein Forum vergleiche ich mit einem großen, aber gemütlichen Raum, in dem mehrere Sofas stehen, auf welchen sich wiederum über die verschiedensten Dinge unterhalten wird.

Bei Twitter hingegen laufen alle umeinander herum und jeder brabbelt irgendwas vor sich hin oder hält Fotos von seinem Essen hoch. Man selbst brabbelt auch und hin und wieder pappt man einem ein Sternchen an die Brust, um zu zeigen, dass man dem Gesagten zustimmt oder man drückt sich ein Megaphon an die Lippen und wiederholt einen Ausspruch, damit auch alle anderen es hören, die einem zuhören.

Facebook hingegen sehe ich wie lauter kleine Marktstände, in denen jeder seine Party- und Familienfotos hoch hält und Lebensgeschichten in die Welt hinausschreit und erwartet, dass alle, die davor in der Schlange stehen, ihre Daumen nach oben strecken.

Die Gemütlichkeit ist auf der Strecke geblieben und ich sage ehrlich, dass mir genau diese Gemütlichkeit fehlt. Wenn man einem Forum mal ein paar Tage fernbleibt, so findet man sich doch leicht wieder zurecht und kann neue Posts in den Bereichen, die einen interessieren, rasch nachlesen.

Nichts desto trotz bin ich ein Fan von Twitter, denn nirgendwo sonst erhalte ich so tolle, lustige und nachdenkliche Aussagen und künstlerische wie lustige Zeichnungen auf einmal. Meine Timeline lässt mich lächeln, wenn ich nicht gut drauf bin, und genau das ist es, weshalb ich weiterhin dort sein werde.

Aber trotzdem: Ich vermisse die alten Forumszeiten. Und wenn ich jetzt in die beiden Foren sehe, tut’s mir schon etwas weh, dass nur noch so ein kläglicher Rest dort herumdümpelt, aber ich kann jederzeit abtauchen in den geordneten Trubel der guten alten (Internet-)Zeit.

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