Warum ich Stummfilm-Dramen mag

Bei den Stummfilmen verhält es sich meist so:

Der Bösewicht ist meist groß und beleibt mit dunklen, wuschigen Augenbrauen.

Der Held ist jung und drahtig, hat ein bleiches Gesicht mit bestimmt hellrot geschminkten Lippen.

Das Opfer ist eine junge, schlanke Frau mit frisch onduliertem Haar und stets einem Anflug von Ohnmacht im holden Antlitz.

Die wohlmeinende Dame (z. B. die Tante des Opfers) ist zwar oft wohlbeleibt wie der Bösewicht, hat aber eine gütige, mitfühlende Mimik im Gesicht installiert. Sie trägt gern eine lange, zwei oder drei Mal um den Hals gewickelte Perlenkette.


Die Polizei erkennt man natürlich an ihren Uniformen. Aber davon abgesehen haben sie irgendwie alle dieselben Bewegungsabläufe, wenn es heißt: „Verfolgt den Unhold!“ Empört schwingen sie ihren Schlagstock, während sie hektisch loslaufen und in die Trillerpfeife pusten.

Ein tragischer Held ist „schattig“ geschminkt. Er hat sehr helle Haut und dramatisch-traurige Gesichtszüge.

Man weiß also allermeistens von vornherein, ob ein Charakter gut oder böse ist. Vermeintlich. Bei einem Drama verhält es sich etwas anders. Da kann es sich bei einem trüb geschminkten Charakter einfach um den seinen Job erledigenden Tod handeln („Der müde Tod“, Deutschland 1921, von Fritz Lang).

Es ist also alles wie auf einer Theaterbühne. Die Schminke sehr übertrieben aufgetragen, damit man auch in den hintersten Rängen noch erkennen kann, was für ein Charakter dargestellt wird. Desgleichen die Gestik. Das dramaturgische Herumschleudern der Arme und des Kopfes, um der Angst oder dem Entsetzen genügend Ausdruck zu geben. Das Aufdiekniesinken und der sich am Rockzipfel festkrallenden Protagonistin (ist ja meist eine Frau, die das macht), während sie um Gnade o. ä. bettelt.

Am Beispiel „Die Nibelungen“ kann man z. B. schön erkennen, wie sich Kriemhild von „gut“ in „böse“ verwandelt. Generell würde ich die Mimik unterstützende Schminke in den Stummfilmen gern mal in Farbe sehen. Wobei manche alten Filme schon eingefärbt wurden. Damit meine ich komplette Szenerien in einem Film. Man kann also an den Farben erkennen, in welche Teilhandlung gerade wieder gewechselt wurde.

Faszinierend finde ich die ersten Filmtricks. Beispielsweise bei „Der Fuhrmann des Todes“ (Schweden 1921, literarische Vorlage von Selma Lagerlöf) sieht man, wie Seelen sich aus toten Körpern erheben, um vom Fuhrmann abgeholt zu werden.

Auch bei „Der müde Tod“ gibt es „Seelenwanderungen“.

Generell finde ich ernste Stummfilme interessanter als lustige. Chaplin war nie so mein Ding. Stan und Ollie in ihren frühen Jahren find ich noch nicht so wahnsinnig berauschend. Buster Keaton ist der einzige Stummfilm-Darsteller, dem ich was abgewinnen kann; wahrscheinlich, weil er immer ernst blieb.

Ohne Sprache kann man so viel zum Ausdruck bringen. Wenn ich heute die unbeweglichen Gesichter mancher Schauspieler sehe, die wären damals verhungert, wenn sie am Schauspielberuf hätten festhalten wollen. An Gestik ist dank der Sprache nicht mehr wirklich viel übrig geblieben. Und sollte bei meinem Fernseher mal der Ton ausfallen, werde ich hoffen, dass irgendwo ein Stummfilm läuft, denn den versteht man immer.

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